Griechenland, Spartaner und der Föhnsturm.

17. Januar 2010 · Thema: Reiseberichte Europa

Nachdem wir, getrieben von der Kälte und dem nun doch herannahenden Winter, die Flucht in Richtung Süden beschlossen hatten, bleiben uns von Bulgarien nur ein paar wenige Eindrücke.

Direkt hinter unserem ersten Nachtquartier sperrte die bulgarische Polizei aufgrund des starken nächtlichen Schneefalls die Straßen für Lkws. Wir versuchten es trotzdem, konnten ungehindert passieren und hatten freie Fahrt durch die frisch verschneite Landschaft . Scheinbar hält man unser Gefährt nur an Mautstellen für einen vollwertigen Lastwagen.

Auf dem Weg nach Süden taucht das gleißende Gegenlicht die Landschaft in ein derart blendendes Weiß, dass lediglich an den entlaubten Waldregionen ein wenig Kontur greifbar wird. Während wir uns an die kyrillische Schrift auf den Wegweisern gewöhnen, säumen immer wieder monumentale Denkmäler im Sowjet-Stil die Straßen. Beides lässt nach wie vor den ehemals mächtigen Einfluss der UdSSR in Wirtschaft und Politik des Landes erfahrbar werden.

Gegenlicht in Bulgarien

Denkmal_1

Denkmal_2

Noch vor Sofia entlässt uns der Winter aus seinen Fängen und nach einer Nacht auf einem Lkw-Parkplatz mit dem Flair eines erstklassigen Autoschieber-, und Schmugglerhinterhofs und wundervoll warmen Duschen, erreichen wir durch das Tal der Struma die Pforten Griechenlands. Kein harter Schnitt – der Übergang ist fließend aber spürbar. Immer noch das ein oder andere Denkmal das man gefühlsmäßig auch weiter im Nordosten verorten könnte, aber erst einmal wieder der Euro und vor allem die ersehnte Wärme. Dank Plusgraden können wir die Wassertanks wieder befüllen und befreien Paula von Schneeresten und dem grauenhaften Streusalz.

Griechenland_denkmal

Ach ja, was man bei den frühlingshaften Temperaturen fast schon vergessen hatte: Weihnachten steht vor der Tür. Na dann, wenn man schon mal so nahe ist: Auf ans Meer!

An der Küste nach Süden sind alle Strände und Stranddörfer verlassen und liegen bei 17 Grad in einem merkwürdig leblosen Winterschlaf. Das ruft Erinnerungen an den verwaisten Badeort mit dem Anstrich der 70er am Balaton in Ungarn wach. Nur hat man hier in Nordgriechenland das Gefühl, dass spätestens im nächsten Sommer der Abfall verräumt, die Schirmchen aufgeklappt und die Duschen angeschlossen werden, damit wieder Busse und Pkws voller Strandfreunde anrollen können. Wir finden für die Weihnachtsfeiertage zwischen zwei dieser Badeorte einen Stellplatz direkt am Meer, den wir nur mit zwei angeschwemmten Müllsäcken und einem alten Autoreifen teilen müssen.

Nicht mit Seife duschen.

Weihnachten

Nach den Feiertagen geht es nach Thermopyles etwas weiter im Süden, um dort mit Freunden aus der Heimat ins neue Jahr zu feiern. Wir freuen uns, ein paar Tage gemeinsam zu stehen, ein wenig Ruhe zu finden und genießen die heißen Quellen und über 20 Grad im Schatten an Silvester. An mehreren Stellen sind Seile zum festhalten über das türkisblaue, stark nach Schwefel riechende Wasser geknotet um beim Baden nicht von der schnellen Strömung mitgerissen zu werden.

Thermopyles_1

Thermopyles_2

Die Quelle soll, so der Mythos, von Athene selbst in Auftrag gegeben worden sein, um Hercules ein wohlig warmes Bad zu gönnen. Weitaus wichtiger für all die griechischen Besucher ist jedoch, dass dieser Ort Schauplatz der Schlacht von Thermopyles war. Mehrere Reisebusse täglich und viele Dutzend private Pkws, die an einem nahe gelegenen Denkmal anhalten, sich davor fotografieren oder der Bronzestatue an die von vielen Händen mittlerweile blank polierten, wohl glückversprechenden Stellen greifen, zeugen von der starken geschichtlichen Aufladung des Ortes.

480 v. Chr. haben sich 300 spartanische Krieger mutig und ruhmreich einem Heer von 1.7 Millionen Persern entgegengestellt. Nicht, dass sie gewonnen hätten, aber durch ihren moralischen Sieg sollen sie, wie auch immer, ausschlaggebend zu dem späteren Rückzug der Perser beigetragen haben.

Vor der Schlacht entgegnete der Anführer der 300 Spartaner den Persern auf deren Aufforderung hin, die Waffen abzugeben mit den ruhmreichen Worten: ‘Kommt und holt sie euch!’ So die Legende. Naja, jedenfalls hört man gelegentlich noch heute einige, vorwiegend männliche Griechen mittleren Alters auf den Hügel des damaligen Geschehens steigen, um den Ausspruch über die Ebene zu brüllen. Natürlich nicht auf deutsch. Nun gut, und auch in eine Richtung die zwar heute als Ebene vor dem Hügel der letzten Schlacht liegt, damals aber noch von Meer bedeckt war. Aber wahrscheinlich ist das ja, nachdem die meisten der Besucher eher keine Kriegsherren mit Schild und Helmchen sind, nicht so wichtig. Heutzutage. Damals wäre es dann doch etwas peinlich gewesen in die falsche Richtung zu brüllen.

An den Tagen nach dem Jahreswechsel steigen die Temperaturen auf 24 Grad. Nachts zieht ein gewaltiger Föhnsturm auf. Wir drehen den LKW erst nach einiger Zeit mit dem Heck in den Wind und freuen uns am nächsten Morgen über eine frisch sandgestrahlte Motorhaube. Nachdem einige größere Brocken die drei Lackschichten bis aufs Blech durchschlagen haben, verlangten wenigstens die schlimmsten Einschläge nach einer kosmetischen Behandlung.

Sandsturm

Noch ein paar Tage genießen wir die nette Gesellschaft, ziehen dann wieder in Richtung Norden weiter und feiern kurz darauf Paulas hunderttausendsten Kilometer. Wir sind froh, dass die gute alte Dame mit ihren mittlerweile 32 Jahren, uns und unser ganzes Gerümpel bisher ohne Probleme durch die Gegend schaukelt.

Nach einer ermüdend langen Fahrt durch eine endlos erscheinende Ebene, tauchen endlich markante Steilwände auf. Wir sind in Meteora.

Die hoch empor ragenden Felsformationen wirken übermächtig und irgendwie lebendig. Etliche Felsnadeln werden von Klöstern gekrönt, die in Gestalt und Materialität mit ihnen zu verschmelzen scheinen. Zumindest optisch sind hier die Mönche dem Himmel erstaunlich nahe.

Meteora_1

Meteora_2

Meteora_3

Die Innenräume der Klöster erlauben neben grandiosen Rundumblicken und den zu erwartenden Heiligenabbildungen auch einige überraschende Einblicke, die wir eher im Draculaschloss Bran erwartet hätten.

Meteora_4

Die bizarren Formationen aus Konglomeratgestein bieten neben der faszinierende Optik auch einiges zum Anfassen. Wir freuen uns über gut gesicherte Routen mit vielen großzügigen Möglichkeiten sich mit Griff, Tritt und sonstigen hoch eleganten Klettertechniken emporzuhangeln.

Auf dem Weg zur türkischen Grenze finden wir erneut ausschließlich vereinsamte Strände und verwaiste Ortschaften, deren Hotels, Cafés und Strandpromenaden auch hier den Anschein erwecken, im jahreszeitlichen Rhythmus von Zwischen-, Vor- und Hauptsaison, gerade darauf zu warten, in wenigen Monaten wieder aus allen Nähten zu platzen zu dürfen.

Griechenland Ost

Bereits vor dem Grenzübertritt in die Türkei mischen sich in die Umrisse der Dörfer neben den mächtigen Kuppeln der christlich-orthodoxen Kirchen mehr und mehr Minarette der Moscheen. An der momentanen Außengrenze der EU gibt es den ersten Stempel in den Pass.

Bis Anfang März liegt nun die Türkei mit einer Landesfläche von fast 800.000 km² vor uns. Davon drei Prozent in Europa, der Rest hinter den bisher zwei Brücken über den Bosporus in Asien. Gerade mal 660 Meter trennen hier die beiden Kontinente. Istanbul spannt weit darüber hinweg und zur Zeit der Gründung machte sich auch bestimmt noch keiner Gedanken über Kontinente oder die EU. Womöglich gab es zur Zeit der ersten Ansiedlungen auch den Durchlass zwischen Schwarzem und Mittelmeer noch nicht. Zumindest spekuliert man, ob nicht vielleicht das heutige Schwarze Meer erst nach einem Durchbruch des Mittelmeeres, dessen Wasserspiegel in Folge der abklingenden letzten großen Eiszeit angestiegen sein könnte, sintflutartig überschwemmt wurde (vgl. Ryan & Pitman 1997). Wir werden uns jedenfalls am Ararat kurz vor der iranischen Grenze umsehen. Vieleicht finden wir ja ein paar Überreste der Arche Noah.

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