An sich ist eine Landesgrenze nicht mehr als eine gedachte Linie zwischen zwei Verwaltungseinheiten, doch die Auswirkungen dieser Linie sind enorm, sobald man das Überschreiten reglementiert. In Europa leben wir seit einigen Jahren mit verhältnismäßig offenen Grenzen, keine Ausweiskontrollen, keine Schlagbäume, keine Autoschlangen mehr vor den ehemals schwer bewachten Kontrollposten. Wir leben in einem zusammengewachsenen Kontinent, in dem die Unterschiede vor und hinter den Grenzen verhältnismäßig gering sind – zumindest im Vergleich zu einigen Grenzen, die wir auf unserer Reise bisher passiert haben. Der Sprung vom Iran nach Turkmenistan änderte nahezu alles, wir hatten das damals im Blog beschrieben. Von Usbekistan nach Kirgistan wandelte sich an der Grenze – wie mit dem Messer geschnitten – die Landschaft von weiten Ebenen zu einer steil emporragenden Bergwelt. Zwischen der Mongolei und China blieb die Landschaft exakt die gleiche, doch das Leben der Menschen war dies und jenseits wie ausgewechselt. Statt grenzenlosem, offenem Land unter endlos blauem Himmel in der Mongolei ist plötzlich ausnahmslos alles genutzt, begrenzt, definiert, in Besitz genommen, landwirtschaftlich umgestaltet – buchstäblich jeder Millimeter Land, der nicht von den explosionsartig wachsenden Städten überwuchert wird, während der Himmel sich mit jedem Meter hinter der Grenze von strahlend sattem Blau in trübes, smog-verhangenes Grau wandelte.
Nun liegt eine weitere ‘harte’ Grenze hinter uns: Von den USA nach Mexiko. Hat sich vor und hinter dieser schwer bewachten, mit Elektrozaun, Überwachungsanlagen und Maschinengewehren gesicherten und dennoch an sich fiktiven Linie wieder einmal alles gewandelt?

Nach einigen Tagen, selbst nach Wochen im Land ist es schwer zu sagen was sich alles geändert hat, dennoch glaubt man einmal öfter mit ein paar gefahrenen Metern den Sprung in eine andere Welt erlebt zu haben.
Die Drive-Thru Imbisse sind verschwunden, stattdessen schieben ältere Herren rauchend-duftende Imbisswägen durch die Straßen. Statt des allgegenwärtigen Rasters, das sich über Ebenen und Berge in den Staaten zieht und Felder, Wiesen und Farmen in rechtwinklige ‘Acres’, die Städte in Blocks einteilt, winden und schlängeln sich die Straßen nun kurvig durch die Landschaften Mexikos, die Dörfer und Städte sind überwiegend von frei gewachsener Struktur, die Straßen haben wieder Namen, heißen nicht mehr West-4th oder North-12th. Das Zentrums einer jeden Siedlung bildet nun der Zocalo, der zentrale Platz und bedeutendstes Element. Hier spielt sich das Leben ab, man trifft sich, sitzt, liest Zeitung, beobachtet die Passanten, quatscht mit dem Nachbarn, verbringt seine Freizeit. Die ‘Plazas’ sind Seele, Herz und Schlagader des öffentlichen mexikanischen Lebens. Überhaupt pulsiert das Leben nun viel mehr auf den Straßen. Die Kinder spielen draußen, Händler bieten ihre Waren an, Scheibenputzer und Jongleure verdienen ihr Geld an den Ampeln während der Rotphasen oder an den ‘Topes’. Die Topes sind vielleicht das erste was einem hinter der Grenze unweigerlich und unübersehbar begegnet: Bremshügel auf den Straßen, die den Verkehr in den innerstädtischen Straßen zum Bremsen zwingen. Wer die zwanzig, manchmal dreißig Zentimeter hohen Topes missachtet oder übersieht und zu schnell darüber hinweg rauscht wird sich unweigerlich die Achse aus seinem Fahrzeug herausreißen, folglich bremst jeder bis nahezu zum Stillstand, was wiederum vielen Straßenhändlern zu Gute kommt, die eben dort ihre Früchte, Tacos, Sonnenhüte, Süßigkeiten, Wasserflaschen und Baumwollunterhosen anbieten. Wer die endlosen Topes in den Städten vermeiden möchte, muss auf die Autobahnen ausweichen, für die nun im Gegensatz zu den USA eine teuere Maut erhoben wird.

Die Geschäfte sind kleiner, Supermärkte sind nicht mehr die Regel sondern die Ausnahme. Englisch spricht nahezu niemand, wollen wir uns verständigen, dann auf Spanisch. Ein paar Brocken reichen erst mal um das Nötigste einzukaufen, nach dem Weg zu fragen oder um den Preis zu feilschen. Auf unserem Weg nach Süden werden wir früher oder später deutlich besser Spanisch lernen müssen, sonst bleibt uns die Tür zum Verstehen der Menschen und ihrer Kultur verschlossen.
Alles macht den Anschein ein wenig langsamer abzulaufen. Allerorts ist Musik in den Straßen, die Häuser sind kleiner, improvisierter, oft in grellen Farben bunt bemalt. Wir teilen uns die Straßen von nun ab hin und wieder mit Eselskarren oder stolzen Reitern, die lässig auf ihren Pferden sitzen, den Cowboyhut tief ins Gesicht gezogen. Entlang der Straßen finden sich endlose Teilehändler in deren Hinterhöfen alte Autos in Einzelteile zerlegt und verkauft werden.


Was fällt einem noch auf? Während in den Vereinigten Staaten grundsätzlich nur eine oder zwei Personen in einem Auto sitzen, sind nahezu alle Fahrzeuge in Mexiko nun voll besetzt, oft sogar die Ladeflächen, manchmal die Dächer der Lkws. Wie oft ein vollbesetztes Fahrzeug von den Straßen abkommt, bezeugen die unzähligen, mit Plastikblumen geschmückten Kreuze am Straßenrand, die fast ausnahmslos jede Kurve säumen. Daneben sammelt sich der Müll aus Plastiktüten und Getränkeflaschen. Die Fernstraßen scheint hier niemand zu adoptieren.
Für uns besonders bedeutsam ist die Tatsache, dass man in Mexiko sicherlich auch frei campen kann, es einem aber niemand ernsthaft rät. Demnach werden wir die Freiheit aus den USA sicherlich vermissen, fast immer und überall ein traumhaftes, einsames Plätzchen in der Wildnis zu finden, ohne sich Gedanken um die Sicherheit machen zu müssen. Wir übernachten fortan auf Campingplätzen, bei den 24 Stunden geöffneten staatlichen PEMEX Tankstellen oder auf großen Lkw-Stellplätzen, was für uns zunächst eine wirklich große Umstellung ist. In ganz Asien hatten wir keine Campingplätze, in Kanada und den USA nur dann, wenn es nicht anders möglich war, sonst standen wir frei. Ab sofort übernachten wir häufig – statt allein in wilder Natur – zwischen zwei 40 Meter langen Trucks irgendwo in der Nähe der Autobahn. Aber immerhin schalten die Lkw-Fahrer hier in Mexiko während der 8-stündigen Nachtruhe die Maschine ab. In den USA liefen die Motoren die ganze Nacht lang durch.
