Der Grand Canyon liegt vor uns. Großartige Landschaft wartet auf zwei Reisende im Dauerurlaub – so könnte man meinen. Doch da war ja noch was: Ein Tag im Leben auf Reisen.
Wir erwachen nicht auf dem Campingplatz sondern im Wald. Die Campingplätze direkt am Canyon sind uns zu teuer, jeden Tag dreißig Dollar für 10 Quadratmeter Stellplatz will und kann man sich über Monate hinweg nicht leisten. Wir stehen also im Nationalforst. Hier ist Campen und Overnight-Parking erlaubt, natürlich etwas entfernt von der Hauptstraße. Also aufgestanden, gefrühstückt und auf zum Canyon.

Aber da war ja noch was: Wasser ist leer. Mit 300 Litern Trink- und Brauchwasser kommen wir eine Zeit lang aus, doch irgendwann sind auch unsere Tanks leer. Gestern haben zufällig zwei Nationalparkangestellte vor lauter Begeisterung gleich unser Auto gestürmt um genau zu erfahren Wo, Was, Wie lange, Woher, Wie viel und Womit wir unterwegs sind. Sie konnten uns glücklicherweise auch gleich Auskunft geben wo wir Trinkwasser finden können.
Gar nicht so leicht in Nordamerika. Trinkwasser in Plastikflaschen ist sündhaft teuer und produziert Unmengen an überflüssigen Müll, doch leider wird das Leitungswasser hierzulande vielerorts systematisch mit Chlor ungenießbar gemacht. Zufällig waren die beiden Ranger vom Water-Departement und nannten uns einen Ort im Park, an dem wir trinkbares Quellwasser zapfen können. Also vorm Canyon noch schnell Wasser auffüllen. Ab zur Dumping-Station im Park, Schlauch auspacken, anschließen, denkste! Der europäische Anschluss passt natürlich wieder nicht auf das amerikanische System, also schnell nach afrikanischer Manier den Schlauch mit einem alten Stück Fahrradschlauch ‘hintüdeln’. Wasser marsch! Tank voll, also auf zum Canyon!

Aber da war ja noch was: Heiße Dusche gefällig? Das wär ja mal was. Das Wasser in unseren Tanks hat kaum 10 Grad. Erfrischend, aber nicht gerade angenehm, wenn die Außentemperaturen am Morgen nur knapp über dem Gefrierpunkt liegen. Also suchen wir die heißen Duschen im Nationalpark. Prima, direkt am Campground, für zwei Dollar sind wir mit dabei. Acht Minuten heißes Wasser, ein Traum! Also dann: Frisch geduscht auf zum Canyon.
Aber da war ja noch was: Wäsche waschen. Oh je, seit Wochen stapelt sich schon wieder die Altwäsche, das Wetter war zu kalt um draußen mit der Hand zu Waschen, aber hier im Park gibt’s doch einen Waschsalon. Also sitzen wir zwischen Waschmaschinen und Trocknern, sehen der Wäsche beim Sauberwerden zu, tippen nebenher am Computer an einem Zeitungsartikel. Eineinhalb Stunden später ist die Wäsche zwar nicht viel sauberer, riecht aber zumindest wieder annehmbar. Zusammenlegen, in die kleinen Schränke einordnen und dann auf zum Canyon.

Ja, und da war noch was: Emails abholen und neue Blogeinträge einstellen. Wir warten auf Rückmeldungen zu Terminanfragen für die Diashows im Januar, Feedback von einem Stadtmagazin, für das wir Reiseberichte schreiben, Überweisungen von der Zeitung für einen anderen Artikel und versuchen uns gerade per Mail mit Stefanie, Dietmar und dem Biber wegen eines Treffpunkts abzusprechen. Internetzugang wäre also dringend notwendig. Dürfte ja nicht so schwer sein. In den USA hat man ja überall offene WiFi-Netze, oder?
Ja, eigentlich schon. Erster Versuch: Market Plaza im Grand Canyon Village. Mittagessen, weil es gerade auf dem Weg liegt. WiFi-Netz ja, Verbindung schlägt fehl. Dann eine kurze Verbindung, dann doch wieder nicht. Netz defekt, kein Web-Zugang. Wieder ins Auto, wieder weiterfahren, weitersuchen. Im Visitor-Center prangt eine Schild mit FREE-WIFI. Gut, dann eben hier. Parkplatz suchen. Dreißig abgebrochene Verbindungsversuche und einen Nervenzusammenbruch später verlassen wir das Gebäude wieder. Netz defekt, kein Web-Zugang. Der Herr am Tresen verweist uns an das nächste Hotel. Wieder ins Auto, wieder rumgurken, Parkplatz suchen, Lobby finden, Steckdose finden, Rechner an, wieder der selbe Mist: WiFi defekt, kein Zugang. Ein leichter Fluchanfall. Mittlerweile ist später Nachmittag. Stundenlang für nichts und wieder nichts rumgefahren, keine Email und auch noch keinen Grand Canyon gesehen, es ist zum Verrücktwerden. Dann gibt’s die Mails halt erst morgen, ich kann’s auch nicht ändern. Für was sind wir jetzt eigentlich in den Nationalpark gefahren?

Ach, da war ja noch was. Seit heute morgen tropft Kühlwasser vom Motor. Also unters Auto kriechen und nachsehen. Die Wasserpumpe klappert schon seit einigen Tagen und seit heute hat sie begonnen zu lecken. Na prima, die gibt wohl früher oder später den Geist auf. Schon wieder am Motor basteln, es nimmt kein Ende. Hoffentlich hält die Pumpe noch bis zu unserem Heimaturlaub in ein paar Wochen, dann gibt’s die ganze Aktion erst als ‘Wilkommen-zurück-auf-Reisen-Begrüßungs-Geschenk’ im Februar.
So, und der Canyon? Wir wollten unseren heutigen Besuch des Grand Canyons doch damit beginnen den Film im Besucherzentrum anzusehen. Wenn wir schon den ganzen Tag nur von A nach B gefahren sind, nur um uns zu ärgern, dann schauen wir uns wenigsten noch den Film an. Also wieder ins Auto, wieder quer durch den Park zum Besucherzentrum, Parkplatz suchen, ab in den Vorführsaal. Die Tür steht offen, die nächste Vorführung beginnt anscheinend gleich. Als wir drei Meter vor der Tür stehen beginnt sich die Tür zu schließen. Drei schnelle Schritte, das passt ja perfekt. Genau richtig zum Beginn der Vorstellung. Gleich erleben wir als kleine Entschädigung für den erfolglosen Tag wenigstens noch den virtuellen Helikopterflug über den Grand Canyon, wenn wir es schon den ganzen Tag nicht bis an den echten Canyon geschafft haben. Mensch, wie freuen wir uns auf die Vorführung! Meine Hand streckt sich der zufallenden Tür entgegen, ich bekomme den Griff gerade noch zu fassen und will den ersten Fuß in den Vorführsaal setzen als ich hinter mir höre: „Sir, excuse me Sir! The last Show was at 4.30. We are closing. The next show is at 8.30. (kurze Pause) Tomorrow.“

Ein toller Tag am Grand Canyon liegt hinter uns und wir fahren glücklich und zufrieden wieder aus dem Nationalpark hinaus in Richtung kostenlosen Stellplatz im Nationalforst. Schließlich finden wir bei Wendys-Hamburger-Bude noch ein funktionierendes Internet, arbeiten drei Stunden an unserer Webseite, beantworten Emails, suchen Informationen für die weitere Strecke und enden um 11 Uhr abends wieder in den Wald, aus dem wir heute morgen aufgebrochen sind, um den Grand Canyon zu besichtigen.